Infrastruktur: Norwegen macht alles anders als Deutschland

Infrastruktur: Norwegen macht alles anders als Deutschland

Beitragvon TeeKay » Di 14. Apr 2015, 16:02

Ich halte mich derzeit in Norwegen auf und suche auch Ladesäulen zur Dokumentation auf. Dabei fiel mir auf, dass Norwegen in Sachen Lade-Infrastruktur es genau umgekehrt macht wie Deutschland.

In Norwegen wurde und werden sehr viele Notlade-Möglichkeiten geschaffen. Das ist nichts anderes als eine oder mehrere Schuko-Dosen in einer abschließbaren Metallbox. Norwegenweit kann jedes Mitglied des Elektroauto-Vereins diese Ladesäulen mit einem einheitliche Ladeschlüssel öffnen. Die Ladung an diesen Notlademöglichkeiten ist gratis. Den Strom bezahlen entweder die Gemeinden, Shopping-Center oder Parkhäuser. Die Notlade-Säule oder Wallbox kostet kaum mehr als 100 Euro + Installation. Deshalb können Parkhäuser auch im Nu 24 davon aufbauen und zahlen weniger als ein deutsches Stadtwerk für eine kleine 2x22kW Mennekes-Säule. Und für diese 24 Notlademöglichkeiten reicht auch praktisch der gleiche Netzzugang wie für die Mennekes-Säule. Die Chancen stehen übrigens gut, dass 24 Lademöglichkeiten in einem Parkhaus im Zentrum gnadenlos unterdimensioniert sind.

Schuko ist auch das, womit die meisten Elektroautos standardmässig ausgeliefert werden. Ein Typ2-Kabel ist selbst bei Tesla aufpreispflichtig. In Norwegen käme man mit dem Standard-Schuko-Kabel und der Schnelllademöglichkeit des Autos aus, ein Typ2 Kabel ist überflüssig.

Die Kosten sind überschaubar sowohl beim Bau als auch Unterhalt. Für ein Parkhaus, das 1-2 Euro pro Stunde kostet, fallen kontinuierlich pro Fahrzeug genutzte 2kW Ladeleistung nicht ins Gewicht. Das sind je nach Jahreszeit 20-60 Cent für den Strom.

Dagegen kosten die zahlreich gebauten Schnelllader fast überall Geld. Für Spontan-Nutzer oft pauschal 99 Kronen pro Ladung, was etwa 11,50 Euro sind. Klingt nach viel. Aber kaufkraftbereinigt sind das etwa 6 Euro deutscher Kaufkraft. Zudem sind Elektroautos für Norweger relativ gesehen sehr günstig. Daher werden die Schnelllader trotz des in deutschen Ohren hohen Preises intensiv genutzt und es kommt auch schon einmal zu Wartezeiten. In und in der Nähe von Großstädten sah ich in 3 Tagen Norwegen mehr Elektroautos am kostenpflichtigen Schnelllader als in einem Jahr in Berlin an den kostenlosen Chademos.

Ich muss mich in Norwegen auch nicht vorher bei 10 Anbietern registrieren und auf Ladekarten warten. An jeder Säule ist eine Bedienungsanleitung angeschlagen. Entweder kann ich mir dann vor Ort eine App herunterladen, in der ich die Ladung mit Kreditkarte freischalte. Oder ich sende ein Premium-SMS an den Anbieter und zahle über die Telefonrechnung. Beides klappt zwar nur mit norwegischen SIMs bzw. App Store Accounts - aber das ist schon besser als das Ladekarten-Chaos in Deutschland.

Wer will, kann sich bei den Anbietern aber auch für Ladekarten entscheiden, was dann in der Regel pro Ladung günstiger ist, aber mit Monatsentgelten einher geht.


Deutschland macht es genau anders herum. Als Notlader werden massenweise sündhaft teure 2x22kW Typ2-Säulen gebaut, an der die allermeisten Elektroautos nur mit 3,7kW laden können. Mit einer typischen Mennekes- oder RWE-Säule ist man schnell 10.000 Euro los. Und da können sich dann die massenweise verkauften Schnarchlader 6-12h ausschnarchen. Ein e-Golf oder Leaf, der dort 6h lädt, kauft Strom für 6-7 Euro. Es wird wohl so gut wie nie vorkommen, dass ein Parkhaus mal eben 12 dieser Säulen für 120.000 Euro aufstellt, um 24 Lademöglichkeiten gratis anzubieten. Also das, was in Norwegen mit den 100 Euro Schuko-Säulen massenhaft passiert. Es ist aussichtslos, mit Typ2 Ladeinfrastruktur zu versuchen, Geld zu verdienen. Deshalb versuchen es die Norweger auch gar nicht erst und bauen lieber viel und billig und geben den Strom als Beigabe zur Hauptleistung gratis ab. Aber in Deutschland stattet man ja selbst die 3,7kW Notlader mit teurer Typ2- und Abrechnungstechnik aus.

Während man für die Normal- und Notladung in Deutschland Geld bezahlen muss, sind die wichtigeren Schnelllader oft gratis. Damit einher geht schlechte Wartung und unüberlegte Standortwahl. In Norwegen kann ich auch mal 300, 400km mit dem C-Zero durch die Lande fahren, weil die Schnelllader strategisch günstig an Schnellstraßen platziert und gut gewartet werden und der Status online verfolgbar ist. Ich weiß also vorher, ob eine Säule funktioniert.

Shopping-Center, Einkaufsmärkte und Tankstellen haben die Schnelllader als Umsatzbringer identifiziert. Deshalb stehen die auch oft dort und nicht vor irgendwelchen Autohäusern. Meiner Meinung nach beteiligen sich die Standortpartner auch finanziell am Bau oder tragen ihn sogar komplett selbst.

Fazit: Norwegen macht es richtig. Die oft genutzten und für die meisten Elektroautos völlig ausreichenden Notlade-Säulen werden zahlreich und möglichst billig gebaut. Der Zugang ist praktisch barrierefrei gestaltet (Schlüssel, den jeder Elektroautofahrer als Mitglied des Elektroauto-Vereins bekommt). Dagegen ist das Schnellladenetz durchgängig kostenpflichtig, dafür aber auch gut ausgebaut, schnellstraßenorientiert, gut gewartet und durchgängig online trackbar.


BTW: Weite Routen sind in Norwegen inzwischen keine Sache einiger verrückter Elektroauto-Jünger. An den Schnellladern sieht man auch Mütter mit drei Kindern oder Opas mit voll besetzter Rückbank. Elektroautofahrern ist hier normal und die Ladepausen sind akzeptiert.
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Re: Infrastruktur: Norwegen macht alles anders als Deutschla

Beitragvon Cooper » Di 14. Apr 2015, 16:18

Schöner Bericht! Danke!
Kann man den Bericht nicht auf die Startseite heben? :)
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Re: Infrastruktur: Norwegen macht alles anders als Deutschla

Beitragvon Kim » Di 14. Apr 2015, 16:23

Was Elektromobilität angeht, steht Deutschland (leider, leider) entgegen des Allgemein-Michels-Meinung, auf der zweituntersten Entwicklungstufe und wird nur von Pleiteländern wie Griechenland, Portugal, Spanien und Italien unterboten.
Das ist tragisch und traurig.
Und traurig. Und verdammt tragisch. Weil warscheinlich 95% der Deutschen glauben, sie seien führend in Europa.
So wirksam kann andauerndes BlaBla das tatsächliche Bild verzerren.
Leider. :(
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Re: Infrastruktur: Norwegen macht alles anders als Deutschla

Beitragvon DaftWully » Di 14. Apr 2015, 16:31

Ja, der Bericht spiegelt wider, was man auf der Stromtankstellenseite sehen kann. Norwegen und Schweden haben an den Hauptverkehrsstrecken meist Tripellader aufgebaut. Da kann man dann auch mal lange Strecken unter die Gummis nehmen.

Aber der Bericht und seine Schlussfolgerung wirderspricht andererseits der mehrheitlichen Stimmung hier im Forum, wo massiv 22 kw besser noch 43 kw Lader gefordert werden und die Schuko-Schnarchlader gnadenlos in die Deppenecke gesetzt werden.

Da scheint in Norwegen bezüglichr E-Mobilität eine etwas andere Mentalität vorzuherrschen.

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Re: Infrastruktur: Norwegen macht alles anders als Deutschla

Beitragvon TeeKay » Di 14. Apr 2015, 16:41

@DaftWully: Der Ausbau der Schnarchlade-Infrastruktur ist ja auch nur sinnvoll, wenn er Hand in Hand geht mit einem massiven Ausbau quasi-barrierefreier und gut gewarteter Schnelllade-Infrastruktur auf Überland-Routen. In Deutschland sieht es aber so aus, dass ein paar Autohäuser am Arsch der Welt einen Schnelllader für CCS oder Chademo bauen, der nur Mo-Fr 9-17 Uhr zugänglich ist, sofern die Rezeption Lust hat, jemanden Laden zu lassen. Dieser Schnelllader ist dann nach 8 Wochen kaputt und wird nicht mehr repariert. Bei solchen Aussichten würde ich auch lieber die zuverlässigere 22kW Typ2-Infrastruktur und einen Zoe wählen.
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Re: Infrastruktur: Norwegen macht alles anders als Deutschla

Beitragvon mlie » Di 14. Apr 2015, 16:50

Die Schukos waren eben da, weil man früher daran standheizungen betrieben hat. Warum sollte man die Infrastruktur abbauen? Nur wenn man schon neu baut, dann kann man es ja auch richtig machen:
Ob Schuko der Weisheit letzter Schluss ist, weiß ich nicht - es muss doch wohl möglich sein, eine Typ2-Buchse in der Größe einer CEE63-Dose anzubieten, mit integrieter openevse und Lastschütz. Für 50€ netto, ohne Verriegelung. Und zwar umschaltbar mit 11+22kW, wenn man nur eine Phase auflegt, hat man daneben 3,7/7,4 kW.
SOWAS wäre auch für die deutschen Parkhäuser und Bürgermeisterecken eine günstige und stressfreie Lösung. 10 Ladepunkte kosten dann zwar mit 500€ 3x soviel wie gute Schukodosen, aber das Verhältnis stimmt schon eher.

Von der Tripleladerdichte werden wir hier im Entwicklungsland .de wohl noch eine zeitlang träumen müssen.
Es wird geforscht, getestet, Pilotprojektiert, geschaufenstert was das Zeug hält, aber praktisch was rüber kommt praktisch gar nicht. Die Forschungsgelder sollten in Triplelader investiert werden. Sollte ja reichen für jeden ort mit mehr als 3000 Einwohnern einer.
Und jetzt komme mir keiner der BWLer mit Kostenstellen, das interessiert überhaupt nicht. Warum muss Geld in Forschung investiert werden, wo das Ergebnis schon von anderswo übertragbar ist, und beim Tripleladerbau fehlt das Ganze. Es ist dasselbe Steuergeld, scheiß auf belanglose Kostenstellenrechung!

Hierzulande bekommt man ja nicht mal ne Kaufprämie oder meinetwegen erlassene Mehrwertsteuer hin. wir haben noch einen langen und der steinigen Weg vor uns, was die Emobilität betrifft...
110Mm elektrisch ab 11/2012.

Bevor man den 200. Tröt zu einem längst ausdiskutierten Sachverhalt aufmacht, IMMER erstmal die Suche benutzen. Es gibt in diesem Forum KEIN Elektroautothema, welches nicht schon längst abschliessend diskutiert wurde!
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Re: Infrastruktur: Norwegen macht alles anders als Deutschla

Beitragvon TeeKay » Di 14. Apr 2015, 16:59

Die Behauptung, die Schukos wären ehemalige Standheizungs-Dosen, ist falsch. Das ist an manchen Stellen so. Aber es wird auch viel neu gebaut - als Schuko. Der Schlüssel zu den Säulen und Dosen wird ja nicht ohne Grund an Mitglieder des Elektroautovereins abgegeben - und nicht an Mitglieder des Vereins für Verbrennerfahrfreude im Winter.
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Re: Infrastruktur: Norwegen macht alles anders als Deutschla

Beitragvon barneby » Di 14. Apr 2015, 17:08

Sehr schön, es könnte so einfach sein (ist es aber nicht) :?
"elektrisches Reisen und laden müssen" vs. "Parken, einkaufen + schnarchladen" sinnvoll entzerrt !
Warum nicht auch hier bei uns ?
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Re: Infrastruktur: Norwegen macht alles anders als Deutschla

Beitragvon e-lectrified » Di 14. Apr 2015, 17:09

Ich bin dafür, dass man die SLAM-Millionen an TeeKay ausbezahlt, weil er zeigt, dass die einzig sinnvolle Forschung in solch einer Domäne die Feldforschung ist! Im Umkehrschluss muss TeeKay sich allerdings dann verpflichten die SLAM-Millionen für die Umsetzung des Norweger Models in Deutschland zu investieren (sprich die Notlader in den Städten - die Schnellladesäulen kann er dann nur initiieren, weil die bauen dann ohnehin kommerzielle Betreiber)...
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Re: Infrastruktur: Norwegen macht alles anders als Deutschla

Beitragvon molab » Di 14. Apr 2015, 17:16

TeeKay hat geschrieben:
Die Behauptung, die Schukos wären ehemalige Standheizungs-Dosen, ist falsch. Das ist an manchen Stellen so. Aber es wird auch viel neu gebaut - als Schuko. Der Schlüssel zu den Säulen und Dosen wird ja nicht ohne Grund an Mitglieder des Elektroautovereins abgegeben - und nicht an Mitglieder des Vereins für Verbrennerfahrfreude im Winter.


Yep - die Motorheizungsports kommen noch hinzu und haben einen anderen oder auch keinen Schlüssel.
Aber wenn ich mir die alten Threads gerade so anschaue, mutierst Du schon gerade ein wenig vom Saulus zum Paulus, oder? ;)
Letztes Jahr meine ich u.a. noch von Dir dafür angegangen worden zu sein, dass ich mich für viel und schnell zu bauende "Billigstlademöglichkeiten" in Innenstädten (für Langzeitparker, ohne Abrechnung oder pauschal) und teurere Schnelllademöglichkeiten an BABs etc. (für Reisende, mit Abrechnungssystem) aussprach. Irgendwie meinten letztes Jahr noch alle, unter Typ2/22kW bräuchte man nirgends bauen. Kurz danach beschwerten sich viele, dass Schnarchlader immer die wenigen Ladesäulen in der Stadt blockieren. Auch ein Problem, dass Norwegen nicht kennt... Da gibt's zwar in Oslo z.B. ein paar schnelle Säulen auch in der Innenstadt - aber die kosten und dahinter sind massig langsame Ladestellen. Die schnellen Säulen bleiben tatsächlich für Schnelllader frei, denn sie kosten im Gegensatz zu den langsamen.
Mit "billigst" meine ich nicht unbedingt Schuko - aber jedenfalls auch nichts dolleres als CEE à la DSN. Typ2 etc. ist an Langzeitparkplätzen lächerlich teuer zu bauen, zumal wenn dann noch Lastmanagement etc. benötigt wird. Für Autos, die damit in einer Stunde voll sind und weitere 3-7 geladen rumstehen...
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