Benzinkutschen

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Benzinkutschen

Beitragvon totobär » Mo 20. Jul 2015, 12:32

Nachdem sich nun über einhundert Jahre das Elektrische Auto als das offensichtlich einzig wahre Antriebskonzept durchgesetzt hat, versuchen seit Neuesten die einen oder anderen Automobilfabriken mit sogenannten „Verbrennerfahrzeugen“ den Markt zu erobern.
Man beruft sich darauf, dass schon das erste Automobil von Benz einen Verbrennungsmotor hatte und dieser von zahlreichen Vorteilen gekrönt sei.
So ganz überzeugt mich das nicht:
Habt ihr mal die Räder von dem Ding gesehen und euch vorgestellt, man würde mit dem gleichen Argument die Holzreifen auf heutige Fahrzeuge aufziehen?

Nun ja, bin ja tolerant und hab mich von einem Freund zu einer Probefahrt überreden lassen.
Und zwar mit einem „Spitzenprodukt deutscher Automobilkunst“. Der neue „Brenner 3000“ vom Werk des Volkes "WV". Dieser ist mit meinem Elektroauto angeblich in Größe, Preis und Leistung vergleichbar.
Man muss aber eine sogenannte KFZ-Steuer bezahlen, die wohl die Nachteile, die diese Antriebsart für die Umwelt und die Öffentlichkeit hat, kompensieren soll.

Also rein in den Verkaufsraum und das Fahrzeug erst mal in Augenschein nehmen. Doch...., sehr annehmbare Karosserie.
Nicht mehr die kleinen, hässlichen, KW-schwachen Versuchskarren nur für Technikfreaks die ständig mit Dreck unter den Fingernägeln rumlaufen.
Großer hinterer Kofferraum vorhanden. Verarbeitung gut. Allerdings: Im vorderen Kofferraum steckt das gesamte Antriebskonzept mit dem Verbrennungsmotor! Wo soll ich da auf Urlaubsreisen mit unserem Gepäck hin?
In einer einem Sarg ähnlichen Kiste auf´s Dach etwa....?! Der Einfall war gut, oder?

Unter dem Fahrzeug ist kein glatter Aerodynamischer Unterboden wie bei meinem Fahrzeug, sondern ein Sammelsurium von Leitungen, Getriebestangen und sogar ein horizontaler Schornstein der sich von vorne bis hinten zieht und die bei der Verbrennung entstehenden Abgase an zwei Löchern hinten unter der Stoßstange in die Umwelt leitet.
Der nötige Kraftstoff (etwa 70 Liter) dieser krebserregenden und extrem leicht entzündlichen Flüssigkeit wird in einem Tank mitgeführt und die Benzinleitungen sind in direkter Nähe zu dem im Betrieb heißen Motor. Man fährt sozusagen auf einem Molotowcocktail......boooooomm!
Apropos Abgase: Habe mich im Vorhinein schon mal mit der Verbrennertechnik beschäftigt. Der Verbrennungsmotor hat im Gegensatz zum Elektromotor, der etwa 95% Effektivität hat, nur einen Wirkungsgrad von 20-30%! Das bedeutet, man macht aus 70-80% der eingesetzten Energie nur heiße Luft....... :shock: Gut...., das trägt natürlich dazu bei, dass wir uns vor einer kommenden Eiszeit nicht fürchten müssten.
Stellt euch doch mal vor, was es bedeuten würde, wenn viele Millionen von diesen Verbrennern weltweit fahren würden. Städte wie Peking, Los Angeles, Neu Dehli würden völlig überhitzt und von Abgasen geschwängert und die Menschen würden vermutlich krank werden. :(
Also der Gedanke allein ist schon ziemlich abstrus, oder?....

Woher sollen auch die gigantischen Mengen an kohlenwasserstoffhalten Flüssigkeiten kommen, die man dafür benötigen würde?
Die Rohöle, die heutzutage für Kunststoffe und Pharmazeutika aus der Nordsee gefördert werden, wären ja wohl zu schade, um sie zu verbrennen.
Das muss man sich mal vorstellen: In den letzten 300 Millionen Jahren entstanden, um es dann in knapp 200 Jahren zu verbrennen. Einfach so.... Für immer weg!?
Nein, auf die Idee wird sicher keiner kommen!
Auch die großen Ölfelder im Nahen Osten, die der Menschheit eine Reserve für die nächsten tausende Jahre darstellen, können ja nicht einfach so zur Versorgung der Verbrennerfahrzeuge genutzt werden.
Das Rohöl müsste ja dann mit riesigen Tankschiffen aus den Förderländern weltweit transportiert -statt wie bislang vor Ort mit Hilfe der Solarenergie direkt zu Kunststoffen, Lacken, Farben und Arzneimittel verarbeitet zu werden.
Man stelle sich nur vor, was bei einem Unfall eines Schiffes an Umweltschäden passieren würde.
Das will doch kein Unternehmen auf der Welt riskieren und kein Politiker könnte jemals so einen Unfug erlauben ohne sich der Lächerlichkeit preis zu geben oder die Menschen auf die Barrikaden zu bringen ....oder?
Auch die Millionen Menschen vor Ort im Nahen Osten und in Nordafrika, die es mit Hilfe der Solarenergie und dem Export von Gütern auf Basis des verarbeiteten Rohöls geschafft haben ihren Wohlstand und die Bildung auf eine breite Basis zu stellen, würden die Rohstoffverschwendung in der Hand von einem kleinen Clan an Herrscherfamilien sicher nicht gutheißen.
Hier drohe auch Gefahr einer Radikalisierung ganzer Landstriche, die diesen, seit nun fast 100 Jahren ruhigen Hort des friedlichen Miteinanders in ein Pulverfass verwandeln könne!
Ich weiß, ziemlich alberne Vorstellung dass sich dies mal ändern könne, aber......

Auch die Verarbeitung des Rohöls in den Bestimmungsländern ist aus energetischen Gesichtspunkten eine einzige Katastrophe.
Man müsste Raffinerien bauen, die aus dem Öl den Betriebsstoff in der richtigen für den Verbrennungsmotor nötigen Konsistenz braut. Dabei benötigt man riesig viel Energie. Allein der Stromverbrauch der dann in Deutschland für die Raffinerien benötigt würde, reichte aus, um über eine Million Elektroautos zu betreiben.
Von den Risiken und den energetischen Aufwendungen des Weitertransportes ganz zu schweigen.

Nun..., zurück zum Auto und zur Probefahrt:
Nachdem ich auf dem Fahrersitz Platz genommen hatte, sagte mir mein bereits Verbrenner-kundiger Beifahrer, dass ich nun das Auto „anlassen“ müsse.
Meine Frage was er denn damit meine, wurde mit dem Hinweis auf einen „Start“-Knopf am Armaturenbrett und auf diesen zu drücken, beantwortet. (Bei meinem Auto steige ich nur ein, trete auf die Bremse und lege am Wahlhebel Vorwärts- oder Rückwärtsgang ein und fahre los.)
..OK, neue Technik.... bin ja lernfähig. Also Knopf gedrückt und mich sofort erschrocken. Das gesamte Fahrzeug fängt an zu vibrieren und zu lärmen obwohl wir uns noch nicht mal in Bewegung gesetzt haben!
Nachdem ich mich vom Schreck erholt hatte, legte ich den Fahrgang ein und wollte losfahren. ...Ging aber immer noch nicht.
Es musste erst eine sogenannte „Handbremse“ außer Betrieb genommen werden, die das Auto wohl gegen eigenmächtiges Wegrollen auf schiefen Ebenen bewahren soll. Also genau das, was mein Auto macht, wenn ich vor dem Aussteigen auf „P“ drücke. Warum das hier sozusagen doppelt angelegt ist und den Freiraum zwischen Fahrer und Beifahrer verkleinert, konnte mir der Verkäufer auch nicht erklären.
Er stammelte irgendwas von: „ zunächst habe man sogar überlegt, die Fahrzeuge mit einem sogenannten Schaltgetriebe auszustatten“, was bedeutet, dass man mit Hilfe eines DRITTEN Fußpedals eine sogenannte Kupplung bedienen müsse und mit Tritten auf dieses Pedal zeitgleich mit der Hand über ein Getriebe einen Fahrgang, passend zu der Geschwindigkeit des Autos einlegen müsse. Der Motor habe nämlich nur in einem gewissen Drehzahlband die nötige Antriebskraft. Diese Koordination mit Fuß und Hand um den Motor im passenden Umdrehungszustand zu händeln, klingt für mich nicht sonderlich kauffördernd. Man hat dann ein sogenanntes Automatikgetrieb installiert, welches dem Fahrer die Mühen der Fuß/Hand-Koordination abnimmt und einen Elektroantrieb quasi ähnlich ist.

Also: Handbremse gelöst und losgefahren.
Auffällig ist die träge Vorwärtsbewegung auch bei heftigem Gebrauch des „Gaspedals“. Erst wenn der Motor sehr laut aufheult, verspürt man einen Vorwärtsdrang des Mobils. Dann bei Rücknahme des Pedals ist die Rekuperationsleistung gleich NULL!! Der Wagen verzögert durch Reibungsverluste des Motors und des Antriebsstanges nur gering. Er erzeugt beim Bergabrollen oder Ausrollen vor Ampeln auch keinen neuen Treibstoff, so wie ich es von meinem Fahrzeug gewohnt bin. Der Verkäufer sagt, man müsse eben heftig das Bremspedal bedienen. Dadurch entsteht aber zusätzliche Abwärme die ungenutzt verloren geht. Wie blöd ist das eigentlich?
Die Bremsen verschleißen entsprechend schnell und somit muss das Verbrennerauto häufig in die Werkstatt.
Vermutlich wird es deswegen auch als Neuwagen etwas billiger als ein E-Mobil angeboten.
Die Langstreckentauglichkeit eines Verbrennerautos wurde von dem Verkäufer besonders hervorgehoben. Man könne durchaus 1.000 km an einem Stück fahren.
Die Sinnhaltigkeit solcher Aktionen mal dahingestellt.... Meine Frage nach der anschließenden Wiederbefüllung des Tankes und der Kosten dafür waren für mich dann doch erhellend: Nicht nur im städtischen Bereich, sondern auch auf Langstrecke muss man für den „Treibstoff“ bezahlen!!!
Es gibt keine Tankstationen der Hersteller an den Autobahnen um gratis zu tanken!
Jeder Tropfen der Flüssigkeit muss in harter Währung beglichen werden!
Da hat man als Vielfahrer schon mal innerhalb der normalen Garantiezeit eines Elektrofahrzeugs auf Antrieb und Batterien (acht Jahre) den Wert des Fahrzeugs locker allein für den Treibstoff ausgegeben!

Ich musste laut lachen und verabschiedete mich freundlich mit einem mitleidigem Lächeln.

Summa Summarum war für mich die Probefahrt mit einem Verbrenner doch sehr erhellend:

- Bei gleicher Leistung und Ausstattung kein Preisvorteil in der Oberklasse bei Neuanschaffung
- Unnötiger Lärm und Umweltbeeinträchtigung im Betrieb
- Risikoreiche Förderung und Transport der zum Betrieb nötigen Treibstoffe
- Unglaublich komplexer Antrieb mit zahlreichen Komponenten die zu Werkstattbesuchen führen
- Teure Langstreckenfahrten durch kostenpflichtige Supercharger
- Irrsinnig schlechtes Energienutzungsverhältnis (20-30%)
- Verbrauch wertvoller, unwiederbringlicher Grundsubstanzen.

Sowas kauft doch keiner!!! :D
totobär
 
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Re: Benzinkutschen

Beitragvon Eifel-Thomas » Mo 20. Jul 2015, 14:13

Geile Satire! :thumb:
Nie mehr Verbrenner, das steht fest!
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Re: Benzinkutschen

Beitragvon Klebaer » Mo 20. Jul 2015, 15:16

Richtig gut!
Darf man das weiterverteilen?
Nissan Leaf Acenta Baujahr 2014 :D
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Re: Benzinkutschen

Beitragvon ohrli » Mo 20. Jul 2015, 16:32

Super-Beitrag - es tut gut, die Dinge mal wieder ins rechte Licht gerückt zu bekommen.....

Die Fahrer der strombetriebenen Kutschen können noch dazu frei wählen, welche Art der Energiegewinnung zum Fahren genommen wird (Wasser, Wind, PV oder leider auch Kohle oder Atomraft), und ein bisschen selbst hergestellt durch Reku beim Fahren,

während die Benzinkutschen nur mit Erdöl funktionieren (Die einzige Wahlmöglichkeit, die die haben, ist: Fahre ich zur Tankstelle mit dem gelben oder roten oder grünen Logo)
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Re: Benzinkutschen

Beitragvon Elektrolurch » Mo 20. Jul 2015, 18:32

Interessant, wie sich die Varianten verbreiten. Der Originaltext „Test drive of a petrol car” stammt von Tibor Blomhäll (Tesla Club Sweden), und hier ist meine deutsche Übersetzung von April 2015.
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