Was taugt der Smart electric drive als Bergfloh? Geschichte

Was taugt der Smart electric drive als Bergfloh? Geschichte

Beitragvon rollo.martins » Sa 19. Jul 2014, 15:14

Hallo zusammen

Gestern haben wirs also getan. Wir sind mit unserem Smart electric drive über die Alpen gegurkt und wieder zurück. Macht Spass, sag ich Euch. (Wenn nur diese Benzinschnecken nicht wären...)

Kleiner Reisebericht also.

Losgefahren sind wir ab Obersaxen. Das liegt etwa 40 km nach Chur, für jene, die sich nicht so auskennen.

Anfahrt Zürich-Obersaxen:

Hingekommen sind wir da schon früher von Zürich her. Dabei die neue Move-Tankstelle in Näfels ausprobiert und die neue Evite bei der Ausfahrt Chur Süd. Beide funktionieren anstandslos.

Näfels ist brutal zerschnitten von einer stark befahrenen Strasse, Restaurant für einen Snack haben wir nur eins gleich daneben gefunden mit recht üblem Convenience Food. Nach 30 Minuten sind wir wegen Lärm und Food wieder geflohen. Aber bis dahin war auch der Akku auch schon fast wieder voll (von 25 auf 100 % in 40 Minuten). Immerhin: Die Säule ist recht zentral. (Versucht aber einfach nicht, sie mit einem Tesla anzufahren, die Strassen sind sehr eng dahin. Für Tesla passt wohl nur die zweite Typ2-Säule in Näfels. Die haben wir aber nicht ausprobiert. )

Die Evite-Säule in Chur Süd ist noch schlimmer was Ladeweile angeht als Näfels. Pampa total. Bitte. BITTE. stellt diese Säulen doch irgendwo hin, wo man sich halbwegs unterhalten kann.

Nach einem lustlosen Spaziergang durch das angrenzende Billig-Möbelhaus (notfalls hätte es immerhin einen Selecta-Automaten gehabt dort) sind wir dann nach knapp 30 Minuten und 80 Prozent Ladung wieder losgefahren.

Am Ende war die Schätzung für Chur-Obersaxen aber zu pessimistisch. Die in Chur noch verbliebenen 40 Prozent hätten wohl sogar knapp ans Ziel gereicht, und wir hätten uns den langweiligen Stopp ersparen können. Aber man traut sich ja nicht so, angesichts der doch erheblichen Steigung, die noch zu bezwingen war nach Obersaxen (um die 700 Meter, bei insgesamt um die 40 km).

Wie es sich auch im Weiteren zeigen sollte, sind Steigungen also nicht so batterieintensiv, wie ich das befürchtet hatte. (Ursprünglich hatte ich mal überschlagsmässig etwa 2.5 kWh pro 1000 m gerechnet für eine gute Tonne Smart, plus einiges an Verlusten, also vielleicht 5 kWh. Die Realität liegt wohl eher bei 2.5 kWh).

Gestern ging es dann auf die grosse Runde: Obersaxen-Disentis-Lukmanierpass-Bellinzona-San Bernardinopass - Thusis - Obersaxen.

Absicht war zuerst zu schauen, ob man den Lukmanierpass erklimmen könnte und auf der Passhöhe zu entscheiden, was weiter gehen sollte. Obersaxen-Passhöhe sind knapp 45 km. Die Passhöhe liegt auf 1900 m. Zunächst geht es aber mal heftig bergab, rund 20 km ins Tal. "Dank" vorgängig vollgeladenem Auto ist leider nichts mit Rekuperation. Schade um den Strom... Nach einer sehr sanft gefahrenen Passstrecke kamen wir ganz überrascht mit vollen 57 Prozent Akku oben an. Ich hatte mit 40 oder weniger gerechnet und mir sogar vorgenommen vorgehabt, etwa bei 30 zu wenden, um den Heimweg notfalls noch zu schaffen. Viel zu pessimistisch also.

Weiter gings dann neu gewonnenen Mutes nach Bellinzona, gut 60 km bergab. Weil das Tessin so viel tiefer liegt als Obersaxen (250 m über Meer statt 1300 m) , hatten wir gewitzelt, in Bellinzona müssten wir wohl gar nicht laden, weil der Akku dank der ganzen Rekuperation ja schon wieder voll wäre.

Ergebnis: Wir haben um die 5 Prozent gewonnen auf der ganzen Abfahrt von 1900 m. ü. M. auf 250. Und ich sage euch, ich habe kaum je gebremst, alles nur mit den Reku-Paddles gemacht.

Das war nun doch eine herbe Enttäuschung. Die Rekuperation bringt also herzlich wenig und ist nicht viel mehr wert als die Motorbremse eines Diesels. Immerhin: 60 km Fahrt mit dem Verbrauch von üblicherweise 25 waren schon mal nicht schlecht (die letzten 10 oder so km Autobahn verhagelten die wunderschöne Bilanz etwas...). Immerhin würde es mich aber interessieren, ob andere ähnlich schlechte Erfahrungen machen, oder ob bei uns was kaputt ist...

Die Strecke von Obersaxen über Disentis, den Lukmanier hoch und dann runter ins Tessin ab dem Lukmanier-Hospiz lohnt die Reise übrigens schon fast für sich allein. Die Bergwelt ist atemberaubend!

Unterwegs versuchten wir einmal spontan an einem im Navi angezeigten (ich habe eine eigene Lösung im Smart, die mir LEMnet und Goingelectric-POIs anzeigt) 3.7 kW Schnarchladepunkt zu laden, um uns in einem schönen Dorf die Füsse etwas zu vertreten. Fehlanzeige: Anders als im Internet beschrieben, sind das im Tessin weit verbreitete RiParTI-Netz und Park&Charge nicht kompatibel (oder nur in die Richtung von Riparti auf Park & charge.) Die Box liess sich jedenfalls nicht öffnen mit dem P&C-Schlüssel.

Einmal mehr eine Insellösung also, wie es scheint, und zudem noch eine, bei der man sich einen Schlüssel besorgen muss. So bringen die angeblich um die 100 (!) oder so Stromtankstellen im Tessin den Touristen herzlich wenig. Sehr schade. Und das in einer Touristenregion.

Nachdem wie festgestellt hatten, dass RiParTI uns nichts nützte, brach mal kurz etwas Hektik aus. Denn sehr viel mehr gibt es im Tessin nicht, vor allem zum Schnellladen.

Da waren auf den ersten Blick nur noch die zwei Säulen von TexxEnergy an den Autobahnraststätten von Bellinzona in vernünftiger Distanz. Und nachdem TexxEnergy kürzlich pleite gegangen ist, waren selbst die unsicher.

Mit 30 km Restreichweite und mangels Alternative etwas weichen Knie öffnete ich dann bei der Raststätte Bellinzona Süd die TexxEnergy-Ladebox. Sie war, wie jene in Affoltern übrigens auch, nicht verschlossen, und sie hatte Strom. 22 kW CEE. Gottseidank. Ohne CrOhm-Box wären wir aber schon aufgeschmissen gewesen.

In der Folge verpflegten wir uns wohl oder übel anstatt in einem schönen Locarneser Grotto in der Mövenpick-Raststätte nebenan. Man muss die Zeit ja irgendwie rumbringen. Das hatte ich mir allerdings anders vorgestellt...

Nach dem Essen die nächste Überraschung: Der Smart hatte nur bis 95 Prozent geladen. Ladeabbrüche habe ich eigentlich noch nie erlebt (ausser dem genau gleichen Bild vor etwa zwei Wochen nach einer langen Autobahnfahrt). Wie es scheint, schont er die Batterie, wenn diese zu warm wird. (Heute war es in der Tat sehr heiss, wohl um die 30 Grad.) Und das macht er, indem er sie nicht mehr voll lädt.

Schade war, dass die Ladung auch nicht wieder anspringen wollte, als ich bei angestecktem Auto die Klimaanlage startete. Die Granatenhitze im von der Tessiner Sonne aufgeheizten Wagen verscheuchten wir dann halt mit Batteriestrom. Die Klimaanlage lief noch recht lang, während wir in Richtung San Bernardino fuhren...

Dieser Teil der Fahrt wurde dann nun aber richtig spektakulär. Hier lohnt es sich auf jeden Fall, auf die alte Passstrasse zu fahren. Der San Bernardino (Autobahn und Scheiteltunnel) ist ja bekanntlich neben dem Gotthard die zweite Achse für den Autoverkehr durch die Schweiz, und man muss schauen, neben den Lastern noch Platz zu finden (ich freue mich auf die baldige Eröffnung der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale NEAT , die einen grossen Teil dieses Verkehrs dann hoffentlich schluckt...).

Die Passfahrt trat ich nach der positiven Erfahrung auf dem Lukmanier mit etwas lockererem Stromfuss an. Also mit sehr lockerem. Und der Smart entpuppte sich da als richtiger Bergfloh. Einziges Problem sind wie gesagt die Benzinschnecken, die einem immer wieder den Weg versperren. Sind die aber mal weg, geht der Wagen auch passaufwärts ab wie eine Rakete und macht einen Heidenspass. Kann ich nur empfehlen.

Nach etwa 40 Minuten, 45 km und 1400 Höhenmetern kamen wir mit 30 Prozent Restladung und einem Riesengrinsen im Gesicht im Dörfchen San Bernardino an. Nach einer kurzen Irrfahrt (LEMnet scheint Mühe zu haben mit den GPS-Koordinaten und schickte uns zunächst auf eine Nebenstrasse, die im Nichts endete...), fanden wir dann doch noch das Restaurant Chesa Veglia, bei dem man auch laden kann, gleich an der Hauptstrasse (die auch die alte Passstrasse ist).

Ein uralter LEMnet-Eintrag hatte mich auf diesen Ladepunkt aufmerksam gemacht. Letztmals 2012 bestätigt. (Daher hatte ich doch am Morgen rasch angerufen, um sicher zu gehen, dass noch alles in Ordnung war. Klar fand der Wirt da, wir könnten bei ihm laden. Der Strom sei einfach halt nicht gratis. Ich habe ihm dann am Ende ein anständiges Trinkgeld gegeben.) Mittlerweile hat der Wirt sogar aussen am Haus eine zusätzliche T15-Steckdose angebracht (10A 3phasig, eine Schweizer Spezialität, die immerhin etwa 7 kW abgibt), sodass man nicht mehr ein Verlängerungskabel ins Küchenfenster legen muss, wie es im LEMnet noch steht... Auch hier geht aber ohne mobile Wallbox und Adapter nichts. Aber man sieht sich ja vor, und ich freute mich, erstmals meinen T15 auf CEE32 Adapter ausprobieren zu können ;-)

Zuerst gings aber nicht. Die CrOhm-Box blitzte nur grün. Die LED am Smart stand grün ohne Blinken. Nachdem ich das Fehlerbild an der Box schon mal an einer defekten Dose (eine Phase ausgefallen) erlebt hatte, fragte ich den Wirt, ob er schon mal Probleme gehabt hätte und verdächtigt die Dose. Er prüfte die Sicherungen, alles schien ok. Eine mobile Wallbox war ihm aber auch noch nie untergekommen, sodass er die Funktion hätte bestätigen können.

Ein Anruf bei CrOhm brachte die Antwort, es liege wohl am Fahrzeug. Dieses wolle nicht laden. Das machte mich nun etwas stutzig. Zuerst das Problem mit dem Ladeabbruch bei 95 Prozent, und nun wollte die Karre nicht mal mehr bei 30 Prozent laden.

Ok, versuchen wirs nochmals. Nach etwa 15 Minuten gings dann plötzlich. Wir luden von 30 auf 70 Prozent. Mit 6.5 kW geht das einigermassen schnell.

Zeit, um im Restaurant einen Coupe zu schletzen, wie man hierzulande sagt. Die Eiscreme half über den Schrecken hinweg. Und der freundliche Wirt, der sich auch freute, dass seine Station mal wieder genutzt wurde, versuchte, uns davon zu überzeugen, doch morgen nochmals zu kommen. Dann sind nämlich Grilladen angesagt, das Fleisch und die Forellen vom Bach nebenan waren wirklich sehr verlockend...

Nachdem wir wieder 70 Prozent Strom hatten, folgte der romantische Anstieg auf die Passhöhe der alten Passstrasse (den Tunnel taten wir uns nicht an) und dann eine lustige Abfahrt den San Bernardino hinunter (mit diversen Haarnadelkurven wie aus dem Film). Sehr empfehlenswert. Die Passhöhe kostete uns nochmals 15 Prozent Akku, die Weiterfahrt nach Thusis dann nochmals deren 5. Damit hätten wir es also womöglich sogar ohne Zwischenladen bis nach Thusis geschafft. Insgesamt umfasste dieses Teilstück wohl an die 60 km. Nicht schlecht mit 20 Prozent Akku. Geht zumeist abwärts, und die Fahrt nach Thusis ist einmal mehr atemberaubend. Wers nicht kennt, sollte sich die Viamala-Schlucht unbedingt genauer ansehen.

In Thusis haben wir aber aus Zeitgründen an der neuen Move-Tankstelle St. Agatha wieder von 50 auf 100 Prozent aufgetoppt, nur um in Obersaxen dann festzustellen, dass es auch ohne präzise gereicht hätte. Wir kamen mit genau 50 Prozent an...

Fazit: Der Smart ED kämpfte scheints etwas mit der Wärme, die dieser Tage aber auch wirklich aussergewöhnlich ist, hat sich aber unter dem Strich gut bewährt. Und er mach einen Heidenspass als Bergfloh. Hätte ich mir so nie gedacht.

Und nächstes Mal klären ich zuerst besser ab, ob ein Ladenetz auch wirklich mit meinen Zugangsmitteln kompatibel ist...

Und last but not least : Die Strecke würde in zwei Tagen noch mehr Spass machen. Ist doch um die 300 km, und das Tessin hat eigentlich mehr als nur eine Kehrtwende verdient.

Jetzt wünsche ich viel Spass beim Nachfahren. Vielleicht prüft der Nächste noch die T15-Station in Andeer gemäss lemnet und trägt sie hier im Verzeichnis nach? Die ist auch seit 5 Jahren nicht mehr bestätigt.

Ich kümmere mich dann gelegentlich selber noch um das Update für die Einträge hier im GE-Verzeichnis.

Gruss R.
rollo.martins
 
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Re: Was taugt der Smart electric drive als Bergfloh? Geschic

Beitragvon TeeKay » Sa 19. Jul 2014, 15:25

Du fährst 60km, hast am Ende 5% mehr in der Batterie als beim Start und sagst, Rekuperation bringt nicht mehr als Motorbremse beim Diesel? Nach meiner Rechnung bist du 45km bergauf gefahren und hast 43% verbraucht. Dann fuhrst du 60km bergab und hattest unten 62% SOC. Sind also 38% von ~18kWh Verbrauch auf 105km = 6,5kWh/100km. Zeig mir den Diesel, der das hinkriegt.
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Re: Was taugt der Smart electric drive als Bergfloh? Geschic

Beitragvon rollo.martins » Sa 19. Jul 2014, 15:30

Teekay: Es ging laufend abwärts, ich musste kaum je Gas geben. Da hätte ich mehr erwartet. Mit einer Scheibenbremse wäre am Ende kaum weniger übrig gewesen.

(Andererseits: Wenn ich mir das mit den 2.5 kWh auf 1000 m Höhendifferenz so überlege, wären da vielleicht 4 kWh drin gewesen. Bei 50 Prozent Verlust, mal geschätzt, sind das noch 2 kWh. Davon habe ich vielleicht doch noch was verbraucht angesichts der längeren Strecke. Am Ende liegt womöglich tatsächlich nicht mehr drin. Vielleicht hast du Recht...)
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Re: Was taugt der Smart electric drive als Bergfloh? Geschic

Beitragvon Spürmeise » Sa 19. Jul 2014, 16:38

rollo.martins hat geschrieben:
Wie es sich auch im Weiteren zeigen sollte, sind Steigungen also nicht so batterieintensiv, wie ich das befürchtet hatte. (Ursprünglich hatte ich mal überschlagsmässig etwa 2.5 kWh pro 1000 m gerechnet für eine gute Tonne Smart, plus einiges an Verlusten, also vielleicht 5 kWh. Die Realität liegt wohl eher bei 2.5 kWh).

Kann irgendwie nicht sein. W = m*g*h, also ca. 1100 kg * 9,81 m/s² * 1000 m = 10,8 MJ = 3,0 kWh. Netto, ohne Umwandlungsverluste.
Spürmeise
 

Re: Was taugt der Smart electric drive als Bergfloh? Geschic

Beitragvon rollo.martins » Sa 19. Jul 2014, 16:45

Weiss nicht mehr, wie ich auf die 2.5 kWh gekommen bin... Die 5 kWh waren aber vorsichtig gerechnet. Und die Vorsicht war offensichtlich nicht gerechtfertigt :-)
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