Warum lassen wir uns von der Verbrennerfraktion treiben?

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Warum lassen wir uns von der Verbrennerfraktion treiben?

Beitragvon Vanellus » Do 19. Jul 2018, 11:44

Am 16.7.18 war ein guter Artikel in der Süddeutschen Zeitung
https://www.sueddeutsche.de/auto/elektr ... -1.4056656
Ziemlich weit hinten ist zu lesen:
"Angesichts der gemischten Bilanz fragen sich manche Wissenschaftler, ob bei der Suche nach Motiven und Interessen umgedacht werden muss. "Oft wird es so dargestellt, als sei der einzige plausible Weg zum Erfolg für Elektroautos, Wagen mit Verbrennungsmotor nachzuahmen", klagt ein Team um Noam Bergman von der University of Sussex in einer Studie, die Vorstellungen zur Zukunft des Verkehrs thematisiert hat. "Diese Darstellung ist unvollständig und schränkt die mögliche Entwicklung ein", urteilen die Forscher. Die Stromer treten nämlich in einem Wettbewerb an, dessen Regeln Benziner und Diesel geschrieben haben."

Warum lassen wir uns von der Verbrennerfraktion die Stöckchen hinhalten, über die wir zu springen haben?
Prominentestes Beispiel ist die vermeintlich lange Ladedauer. 50 kW - 150 kW - 350 kW Ladeleistung - wer bietet mehr? Auch E-Autofahrer jubeln in Vorfreude auf 350 kW. 5 Minuten werden dem E-Auto zugestanden, dann muss der Akku voll sein. Dass das mehr als 8 C ist, fällt nicht jedem auf, der dieses Ziel gut findet. Beim 50 kWh-Akku also mehr als 400 kW - nicht für 2 Minuten, sondern die vollen 5 Minuten!
Bin ich der Einzige, den dieser Wettlauf uninteressant findet? Ich fahre nicht 500 oder 800 km mit dem Auto (Urlaub einmal im Jahr ausgenommen und da ist die Fahrt Teil des Urlaubs), sondern mit der Bahn. Wenn ich 2-3 Stunden Auto gefahren bin, habe ich gegen eine halb- oder einstündige Pause nichts einzuwenden. Ich lade (nicht: tanke) überall, wo der Wagen sowieso steht und das funktioniert schon gut.

In den 70-er und 80-er Jahren mussten Autos auch nach 300 - 400 km zum Tanken. Keinen hat es gestört.
Warum lassen wir uns von diesem seltsamen Kriterium scheuchen? Warum drehen wir den Spieß nicht um und fragen: warum gewinnt der Verbrenner beim Bremsen keine Energie zurück? Ein Auto, das das nicht kann, kommt für mich nicht in Frage.

Warum muss ich kuppeln und schalten und wieder einkuppeln? Was ist denn das für ein Antriebskonzept, bei dem ich wie ein Orgelspieler mit Händen und Füßen jonglieren muss? Völlig verrückt! Bei jedem Anfahren und auch noch während der Fahrt! Und gelegentlich hat man eine falsche Übersetzung gewählt und der Wagen kommt nicht voran. Lebensgefährlich! Automatik? Für einige tausend € soll ich mir einen Klotz kaufen, der diese blödsinnige Arbeit erledigt? Es gibt doch ein viel effizienteres Antriebskonzept, bei dem man das überhaupt gar nicht braucht - den Elektroantrieb.
An was für einen Umwelt- und Gesundheitsgefährdenden und unbequemen Quatsch haben wir uns mit dem Verbrenner gewöhnt und meinen jetzt auch noch, es gebe nichts besseres - nur weil wir nicht erkennen, dass wir es mit dem E-Autos schon haben?
Das Elektroauto muss so werden wie der Verbrenner? Es ist schon viel besser! Und hat den Verbrenner weit hinter sich gelassen!
Wer hat denn für die verdreckte Luft in den Städten und die daraus resultierenden Fahrverbote gesorgt? E-Autos waren es jedenfalls nicht.
Lassen wir und nicht weiter in die Defensive drängen und versuchen wir nicht weiterhin, blödsinnige Forderungen (5 Minuten Tanken, eine Stunde mit 200 km/h fahren) zu erfüllen. Sondern messen wir die Verbrenner an dem, was das Elektroauto kann.
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Re: Warum lassen wir uns von der Verbrennerfraktion treiben?

Beitragvon Jossle » Do 19. Jul 2018, 11:49

Finde den Artikel auch interessant. Persönlich lasse ich mich nicht treiben und da ich nicht als Missionar arbeite geht es mir auch gut, da ich niemanden überzeugen und ich mich auch nicht rechtfertigen muss. Die jetzigen Diskussionen sind in wenigen Jahren eh obsolet und dann kann ich mir und meinen Mitmenschen doch Zeit und Nerven sparen.
Seit dem 07.11.17 mit dem Ioniq unterwegs :D
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Re: Warum lassen wir uns von der Verbrennerfraktion treiben?

Beitragvon Schüddi » Do 19. Jul 2018, 12:02

Vanellus hat geschrieben:
Lassen wir und nicht weiter in die Defensive drängen und versuchen wir nicht weiterhin, blödsinnige Forderungen (5 Minuten Tanken, eine Stunde mit 200 km/h fahren) zu erfüllen. Sondern messen wir die Verbrenner an dem, was das Elektroauto kann.

Könnte man so machen. Man könnte dann aber auch denken so redet man sich das Elektroauto schön. Es kann eben andere Dinge besser aber es kann eben viele Dinge nicht, die ein Verbrenner locker kann.
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Re: Warum lassen wir uns von der Verbrennerfraktion treiben?

Beitragvon tomas-b » Do 19. Jul 2018, 12:12

Schüddi hat geschrieben:
...
Es kann eben andere Dinge besser aber es kann eben viele Dinge nicht, die ein Verbrenner locker kann.

Leider werden die Wertigkeiten von der breiten Masse absolut verkannt:

800 ... 1000 km Reichweite ohne Nachladen/Nachtanken wird als der Hauptstandard und das ultimativ wichtigste Kriterium betrachtet. Aber eigentlich ist es das Unwichtigste überhaupt, wenn man bedenkt:

Das ein Elektro-Fahrzeug die lokalen Emissionen (Lärm und Abgas) drastisch reduziert, die Lebensqualität der Stadtbewohner steigert und eben nicht deren Gesundheit gefährdet, sollte eigentlich für jeden das ultimative Argument für ein E-Auto sein. Aber genau das geht allen am Allerwertesten vorbei...
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Re: Warum lassen wir uns von der Verbrennerfraktion treiben?

Beitragvon Schüddi » Do 19. Jul 2018, 12:47

tomas-b hat geschrieben:
Schüddi hat geschrieben:
...
Es kann eben andere Dinge besser aber es kann eben viele Dinge nicht, die ein Verbrenner locker kann.

Leider werden die Wertigkeiten von der breiten Masse absolut verkannt:

800 ... 1000 km Reichweite ohne Nachladen/Nachtanken wird als der Hauptstandard und das ultimativ wichtigste Kriterium betrachtet. Aber eigentlich ist es das Unwichtigste überhaupt, wenn man bedenkt:

Das ein Elektro-Fahrzeug die lokalen Emissionen (Lärm und Abgas) drastisch reduziert, die Lebensqualität der Stadtbewohner steigert und eben nicht deren Gesundheit gefährdet, sollte eigentlich für jeden das ultimative Argument für ein E-Auto sein. Aber genau das geht allen am Allerwertesten vorbei...

Warum vergisst jeder den Faktor ZEIT als Lebensqualität. Man tankt ein mal 5min und hat die nächsten Tage-Wochen Ruhe.
Man muss keine Umwege fahren, man muss nicht dem Wagen beim Laden zuschauen, man muss sich nicht mit Ladekarten usw. Auseinander setzen, man muss keine speziellen Routen planen...
Tanken kann man - da man ein sehr goßes Zeitfenster von voll zu leer hat und es keine ernennenswerte Zeit in Anspruch nimmt.
Laden muss man - das ganze geplant und zeitintensiv. Da kann man nicht mal kurz rechts ran fahren auf dem Heimweg.
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Re: Warum lassen wir uns von der Verbrennerfraktion treiben?

Beitragvon Helfried » Do 19. Jul 2018, 13:09

Schüddi hat geschrieben:
Warum vergisst jeder den Faktor ZEIT als Lebensqualität.


Da hasst du wohl den falschen Beruf. Mir machen 90 Prozent der Ladepausen Spaß. Die Tendenz ist aber zugegeben leicht abnehmend. Gleichzeitig gibt es aber Optimierungspotential bei mir beim Laden.
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Re: Warum lassen wir uns von der Verbrennerfraktion treiben?

Beitragvon AndiH » Do 19. Jul 2018, 13:34

Das einzige was ein Verbrenner deutlich besser kann als ein E-Auto ist Energieverschwendung, da der Verbrenner seeehr viel mehr davon an Bord hat und auch schneller nachladen kann. Wenn ich also einen Lebensstil/Berufsbild habe das auf Verschwendung basiert ist das E-Auto schlechter, ansonsten weit voraus und das heute schon.

Zum Faktor Zeit: Meine etwas "spezielle" Situation mit E-Auto als Pendlerfahrzeug spart mir pro Woche etwa 7 Minuten die ich ansonsten auf dem Weg bzw. an der stinkenden Tanke verbringen müsste, und zusätzlich habe ich keine Ahnung mehr auf welche Höhen der Spritpreis immer dann klettert wenn der Tank leer ist.
Seit 02/2016 über 2.100 Liter Diesel NICHT verbrannt...
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Re: Warum lassen wir uns von der Verbrennerfraktion treiben?

Beitragvon midget77 » Do 19. Jul 2018, 13:45

Da hilft alles nichts - "Tanken" dauert beim E-Auto
Allerdings sollten 50kW DC sowie 22kW AC (Basis)Standard in jedem aktuellen Neufahrzeug sein

Wer dann - noch langsamer - laden will, kann das gerne tun
In der DC-Ladewüste :roll: gilt: 3 phasiger AC-Lader = P f l i c h t in jedem E-Auto!
1phasiges "Schnarchladen" = bei Serienfahrzeugen (hoffentlich) bald Schnee von gestern...
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Re: Warum lassen wir uns von der Verbrennerfraktion treiben?

Beitragvon tomas-b » Do 19. Jul 2018, 13:45

Schüddi hat geschrieben:
Warum vergisst jeder den Faktor ZEIT als Lebensqualität. Man tankt ein mal 5min und hat die nächsten Tage-Wochen Ruhe.
Man muss keine Umwege fahren, man muss nicht dem Wagen beim Laden zuschauen, man muss sich nicht mit Ladekarten usw. Auseinander setzen, man muss keine speziellen Routen planen...
Tanken kann man - da man ein sehr goßes Zeitfenster von voll zu leer hat und es keine ernennenswerte Zeit in Anspruch nimmt.
Laden muss man - das ganze geplant und zeitintensiv. Da kann man nicht mal kurz rechts ran fahren auf dem Heimweg.


Ja, da sind wir wieder beim alten Thema Egoismus...
Für den größten Teil ist halt der eigene Vorteil (Zeit, Reichweite, ...) wichtiger, als die Gesundheit des Nachbarn.
Die Brücke, dass der Nachbar genauso denkt und man selbst auch der Leidtragende ist, kriegen (noch) nicht viele hin...
Mir persönlich ist das sehr wichtig, das mag daran liegen, dass ich in der Verwandtschaft mehrere Fälle mit chronischen Atemwegserkrankungen habe und die Einschränkungen, die eine solche Krankheit im täglichen Leben bedeutet, nachvollziehen kann. Und sie vielleicht auch deshalb nichtmal meinem ärgsten Feind wünschen würde.

Und zum Thema Lebenszeit:
Die Story mit den 5 Minuten an der Tankstelle halte ich für ein Gerücht, es sei denn, du tankst immer nur für 20 Euro und hast es auch noch passend. Dann musst du aber öfter zur Tanke und verschwendest auch viel Zeit. Zu meinen "Tankstellenzeiten" waren in der Regel 10 Minuten mindestens weg, und da war die Anfahrt und die Rückfahrt nach Hause noch nicht einmal mit dabei. Insgesamt musste ich jede Woche 45 Minuten fürs Tanken investieren.

Seit dem ich elektrisch unterwegs bin, spare ich diese 45 Minuten pro Woche. Muss dafür lediglich 2x 20 Sekunden zum Anstöpseln und 2x 20 Sekunden zum Abstecken investieren (je 1x zu Hause und 1x beim Supermarkt). Macht also sogar für meinen persönlichen Egoismus noch einmal 43 Minuten und 20 Sekunden Gewinn pro Woche beim Thema Lebenszeit.

Das Nachladen 2 ... 3x im Jahr auf dem Weg in den Urlaub sehe ich ebenfalls nicht als verlorene Lebenszeit, da für mich die Anreise bereits ein Teil des Urlaubes ist. Auch mit dem Verbrenner haben wir auf der Strecke "gebummelt" und Pausen an sehenswerten Orten gemacht. Auch da war eine Planung nötig, nie sind wir auf dem kürzesten Weg zum Hotel gefahren sondern auf dem Schönsten... Diese Eigenart haben wir uns natürlich beibehalten, zum elektrischen Fahren passt das wie Ar*** auf Eimer.
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Re: Warum lassen wir uns von der Verbrennerfraktion treiben?

Beitragvon midget77 » Do 19. Jul 2018, 13:56

@Vanellus
"...In den 70-er und 80-er Jahren mussten Autos auch nach 300 - 400 km zum Tanken. Keinen hat es gestört..."
Das war jene Zeit, in denen schon jeder 5. Haushalt einen TV hatte - oder?
Sei mir nicht böse, aber dieser Vergleich ist sowas von an den Haaren herbeigezogen.

Fortschritt bedeutet Verbesserung
Nachteile E-Auto
Preis (Anschaffung)
Reichweite
"Tank"dauer
Also - Ladedauer verkürzen (>50kW DC und 22kW AC)
! Nur Diejenigen, die die Nachteile des E-Autos bewahren wollen, gießen Öl ins (Verbrenner)Feuer!
In der DC-Ladewüste :roll: gilt: 3 phasiger AC-Lader = P f l i c h t in jedem E-Auto!
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